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Die Tradition der Beschneidung

Die Tradition der Beschneidung

In Anatolien ist eine der wichtigsten und gebräuchlichsten Tradition bezüglich Kinder die Beschneidung. Diese stellt auch gleichzeitig die strengste und gebräuchlichste Tradition der religiösen und sittlichen Gebräuchen dar. Keine Eltern möchten diese tiefverwurzelte Tradition übergehen. Diese Tradition gleicht einer Gesetzeskraft, die keine Auflehnung entstehen lässt.

Das Wort “Sünnet” (Beschneidung) hat arabische Wurzeln und bedeutet in seinem Kern “işlek yol” (betriebsamer Weg). In seiner weiteren Bedeutung ist darunter die gute oder schlechte Verhaltensweise, die der Mensch aufgrund seiner gewöhnlichen Situation zu Tage legt beziehungsweise der Weg Gottes zu verstehen.

In der islamischen Religion bedeutet “sünnet” die Anpassung an die Praktiken, die der Prophet ausführte oder lehrte. Die Gesellschaft zeigt bei Abweichungen diesem Thema gegenüber fast keine Toleranz und Einsicht. Aus diesem Grunde erleben Jugendliche, bei denen sich die Beschneidung aus verschiedenen Gründen verzögerte, eine gewisse Unbehaglichkeit. Häufig begegnen Jugendliche, bei denen die Beschneidung nicht zeitgemäss durchgeführt wurde, einem abwertenden und kritisierendem Verhalten. Was die Beschneidung betrifft, so kann – ebenso wie in der Vergangenheit – auch in der Gegenwart die Gesetzeskraft dieses tiefverwurzelten Brauches beobachtet werden.

Die Tradition der Beschneidung wird vor allem unter unten angeführten Aspekten betrachtet:

- Alter des Kindes für die Beschneidung und Zeitpunkt der Beschneidung

- Vorbereitung der Zeremonie oder sogenannten “Beschneidungs-Hochzeit”

- Vorbereitung des Kindes

- Durchführung der Beschneidung und “Beschneider”

- Geschenke / Aufmerksamkeiten bei der Beschneidung

Alter des Kindes bei der Beschneidung / Zeitpunkt der Beschneidung

Bezüglich des Alters des Kindes bei der Beschneidung oder der Jahreszeit der Beschneidungszeremonie gibt es keine festgelegten Regeln. Die Kinder werden meist kurz vor dem Schulalter oder in den Grundschuljahren, also vor der Pupertät, dieser Zeremonie unterworfen. Allerdings entscheiden sich zunehmend mehr Eltern in den größeren Städten dazu, die Beschneidung sofort nach der Geburt im Krankenhaus durchzuführen. Diese frühe Beschneidung hat vorwiegend das Ziel, das Kind nicht den bewussten Schmerzen und Ängsten auszusetzen. Diese Form der frühen Beschneidung ist in traditionellen Gesellschaftsschichten nicht anzutreffen.

Innerhalb der Gesellschaftsstruktur übernimmt die Beschneidung verschiedenste Funktionen. Eine prachtvolle Beschneidungszeremonie hebt nicht nur das Ansehen der Familie in der ihr angehörigen Gruppe sondern erlebt gleichzeitig auch die Freude am Kind. In Anatolien wird es als Pflicht der Eltern angesehen, das Kind großzuziehen, die Beschneidung durchzuführen und es zu Verehelichen.

Die Beschneidung von armen oder Waisenkindern wird von wohlhabenden Personen oder Verwandten übernommen, die deren Beschneidung mit der der eigenen Kinder gemeinsam durchführen. Diese Aufgabe wird auch von manchen Sozialvereinen übernommen.

Als Zeit der Beschneidung wird häufig der Frühling, der Sommer oder der Herbst gewählt. Für die zeremonielle Beschneidungsfeierlichkeiten (Hochzeit) wird heutzutage vor allem in den Städten das Wochenende, also Samstag oder Sonntag, gewählt. In der Vergangenheit war dies meist der Donnerstag, da der Freitag als Feiertag und als glücksbringend angesehen wurde.

Vorbereitung der Zeremonie oder sogenannten “Beschneidungs-Hochzeit”

Wenn das Alter der Beschneidung für das Kind gekommen ist und je nach ökonomischer Situation beginnt die Familie ungefähr zwei Monate vor der Beschneidung mit den Vorbereitungen. Nachdem der Zeitpunkt für die Zeremonie bestimmt wurde, werden die Gäste eine Woche oder zehn Tage vor dem Termin eingeladen.

Diese Einladung erfolgt auf zwei Wegen:

- persönliche Überbringung der Einladung durch einen sogenannten Beauftragten

- Verteilung gedruckter Einladungen.

Besonders in traditionellen Gesellschaftsschichten ist man darauf bedacht, viele Personen zu dieser Zeremonie einzuladen.

Vorbereitung des Kindes

Mit der eigentlichen Vorbereitung des Kindes beginnt man einige Tage vor der Beschneidungszeremonie. Allerdings wird das Kind schon sehr viel früher auf dieses Ereignis vorbereitet, indem die Freude auf dieses Ereignis gesteigert wird und ihm die Angst genommen wird. Mit traditionellen Erziehungsmethoden bereiten die Eltern das Kind bereits Monate vor dem Ereignis auf diesen Wendepunkt des Lebens vor.

Den wichtigsten Teil der Vorbereitung stellt die Anfertigung der speziellen Bekleidung des Kindes dar. In den Städten werden die Kinder von wohlhabenden Familien mit Edelsteinen geschmückt, in den Kleinstädten bildet eine hellblaue Kopfbedeckung mit einem Talisman (Maşallah) in der Mitte das wichtigste Element der Bekleidung. In den Dörfern erhalten Kinder für die Beschneidungszeremonie neue Kleider, an den Schultern und am Hals werden feine, reichbestickte Tücher befestigt, am hinteren Teil der Kopfbedeckung wird eine Art “Brautschleier” angebracht.

Das Kind wird einige Tage vor der Beschneidung oder am Tag der Beschneidung unterhalten, indem es gemeinsam mit Freunden mit einem Pferd oder Auto herumspaziert wird. Gleichzeitig wird damit auch die Beschneidung des Kindes der Umgebung mitgeteilt.

Durchführung der Beschneidung und “Beschneider”

Bei der Beschneidung wird die Vorhaut an der Spitze des Geschlechtes ringsherum abgeschnitten. Das zu beschneidende Kind wird auf den Schoß des Vaters oder einer nahestehenden Person, die man auch als "Kirve" bezeichnet und der man durch dieses Rituel eine Form von Patenschaft überträgt, gesetzt. Die Beine des Kindes werden gespreitzt, seine Arme werden fest umklammert. Dabei werden dem Kind gute Worte, die vor allem auf die Männlichkeit abzielen, zugeredet, um ihm die Angst zu nehmen. Vor und während der Beschneidung werden die Worte “Allahu ekber Allahu ekber” (Gebetsformel) ausgesprochen. Eine weitere gebräuchliche Formel ist auch “oldu da bitti maşallah” (es ist beendet, was Gott gewollt hat; d.h. Ausruf der Bewunderung).

Die Person, die die Beschneidung durchführt, wird im allgemeinen als “sünnetçi” (Beschneider) bezeichnet. In Zentralanatolien und Ostanatolien sind weiteres die Bezeichnungen “abdal” (abdal ist eigentl. Bezeichnung für wandernde Derwische) oder “kızılbaş abdal” (rothauptiger Derwisch) gebräuchlich.

Heutzutage wird die Beschneidung großteils von Beamten des Gesundheitsministeriums ausgeführt, die sich selbst in städtischen Kreisen als “fenni sünnetçi” (wissenschaftliche Beschneider) bezeichnen.

Geschenke – Aufmerksamkeiten

Die Beschneidung als wichtiger Wendepunkt im Leben, der zeremoniell gefeiert wird, wird durch verschiedenste Geschenke bereichert. Diese Geschenke können Gold, Geld, Bekleidung oder auch häusliche Gegenstände sein. Auch heutzutage wird die Tradition der Überreichung von Beschneidungsgeschenken weiterhin ausgeübt.

Sünnet-Patenschaft

Unter “kirvelik” versteht man die Übernahme einer sogenannten Patenschaft bei der Beschneidung des Kindes. Diese Person übt eine bestimmte Vaterschaftsrolle aus und hält bei der Beschneidung das Kind. Je nach Region werden dafür auch die Bezeichnungen “kirve”, “kivra” oder “kivre” verwendet.

Kirvelik stellt eine Art künstliche Verwandtschaft zwischen zwei sozial und ökonomisch gleichgestellten Familien dar, die auch für die Ausgaben der Beschneidungszeremonie eines Kindes der Familien gemeinsam aufkommen. Der sogenannte “kirve” (Pate) nimmt während der Beschneidung das Kind auf seinen Schoß, hilft in jeder Hinsicht durch seine Unterstützung bei der Linderung der Schmerzen und übernimmt, wenn auch nur teilweise, die Kosten der Zeremonie. Wie Personen bei einer Verehelichung eine Verwandtschaft eingehen, so verbindet auch die Familien, die sich gegenseitig diese Patenschaft gewähren, eine freundschaftliche, verwandtschaftsnahe Beziehung. Die Einrichtung dieser “kirvelik” (Patenschaft) ist vor allem in Ost-, Süd- und Südostanatolien weit verbreitet, allerdings gibt es nicht genügend Informationen über deren Wurzeln.

Obwohl die Einrichtung der “kirvelik” vor allem in der Vergangenheit verstärkt untenstehende Aufgaben erfüllte, so hat sie auch heutzutage nach wie vor ihre Gültigkeit:

- Intensivierung bestehender Beziehungen

- Vergrößerung des sozialen Beziehungsnetzes der Familie

- Ausübung der Funktion einer Sozialversicherung

- Vereinigung von Familien unterschiedlicher ethnischer Gruppen, Sprachen und Religion

- Erleichterung der Anpassung an die Region bei Personen, die aus einer anderen Region kommen

- Erreichung einer gewissen Handelsstärke durch Solidarität und Steigerung des Potentials

Hinsichtlich dieser Aspekte, die die Einrichtung des “kirvelik” übernimmt, stellt sie eine wichtige gesellschaftliche Institution dar.

Die durch “kirvelik” entstandene Beziehung hält bis zum Tode an. Es besteht außerdem ein Heiratsverbot zwischen “kirve”-Kindern, also Kindern, deren Eltern gegenseitig für ihre Kinder die Funktion des “kirve” übernahmen. Dieses Verbot unter den “kirve”-Familien führt zu einer freieren und insofern stärkeren und dauerhafteren Beziehung.

Alle Informationen sind ohne Gewähr!!